Leseproben von
Holger Altmann: Geisterstunde
Lutz Reiter: Nachtalp
Emir Salihovic: Die Dunyan-Methode
Melanie Böcker: Conar und Esala
Hannes Kiss: Die dunkle Seite
Patrick Henning: Ich und ich und du sind wir
Michael Köppl: Das Schnäppchen
Holger Stolper: Scheißwetter
Stephan Möller: Broken Home
Florian Hänel: Vorboten
Michael Navarro: Randy
Maik Pohl: Das leise Flüstern
Payam: Ella Snu
Markus Böhme: Die Nacht der Herzen

Holger Altmann

Geisterstunde

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...Ein böses Lächeln stahl sich in das sonst so liebe Gesicht des Stoffbären, und er stellte eine Reihe gewaltiger Reißzähne zur Schau, als er das Maul öffnete und sich die Nagelfeile zwischen die Kiefer schob, wie es Piraten im Film mit ihren Dolchen taten, bevor sie unter einem feindlichen Schiff hindurchtauchten, um den Gegner von der anderen Seite zu überraschen. Teddy drehte sich um und taumelte erneut zur Bettdecke, zog sich wieder hinauf ...

...Schließlich war es ihm gelungen, und er stand schwankend auf der weichen Matratze, keine zehn Zentimeter vom linken Fuß des Kindes entfernt. Er nahm die Feile aus dem Maul, hob sie hoch über seinen Kopf und war drauf und dran sich fallen zu lassen, um dem Mädchen den spitzen Gegenstand in den Fuß zu rammen, als er es sich mit einem Male anders überlegte. Der Bär schob sich das Metall zwischen die Zähne zurück, ließ sich auf alle Viere sinken und setzte so seinen Weg zum Kopfende der Liegestatt fort, wobei er ganz vorsichtig über den zusammengerollten Körper des Kindes krabbelte, um es bloß nicht aufzuwecken ...

Lutz Reiter

Nachtalp

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...Das ist Teufelswerk! dachte er bei sich und sah sich auf der Terrasse um. Seine Füße spürten bereits den kalten Marmor der Bodenplatten. Der antike steinerne Gott schaute ihn mit gefletschten Zähnen an, so als wolle er ihn alsbald verspeisen. Barfüßig, nur mit seinem Hausmantel bekleidet, flüchtete er die granitenen Stufen hinab in den Garten hinaus. Er spürte nicht die Scherben der Gläser, die seine Füße zerschnitten. Er wollte nur weg, weg von diesem grausigen Ort ...

...Wieder erfasste ihn Entsetzen und er stürzte schneller voran. Doch so sehr er sich anstrengte, er schien dem Pavillon keinen Meter näher zu kommen. Die Wiese schien ihn festzuhalten. Seine Füße wurden schwerer und wie in Zeitlupe setzte er Schritt für Schritt. Er kam nicht voran, während der Geistervogel ihm im Nacken saß. Verbissen kämpfte er sich durch das Gras, das immer wieder seine Beine umschlang und ihn zurückreißen wollte. Er schrie und fluchte, ergriff mit seinen Händen ganze Grasbüschel, um sich auf der Wiese weiter vorwärts zu ziehen. Mit Entsetzen sah er an sich herab, auf unzählige, gierig nach ihm greifende Hände ...

Emir Salihovic

Die Dunyan-Methode

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...Wenn es Magie war, dann schwarze. Denn ganz geheuer war ihm die Eule nicht. Nicht nur, dass sie nicht auf physikalische Gesetze acht gab, nein, da war etwas Anderes. Es war nicht Pauls Wille, der ihn zum Fenster bewegte, aber aufhalten konnte er es nicht. Er ging aufrecht, ohne sich etwas von seiner Besoffenheit anmerken zu lassen, auf das Fenster zu. Er hielt erst an, als seine Nase auf das Glas knallte. “Was hast du erwartet? Dass dich das Fenster in eine andere Welt führt?” fragte eine mysteriöse Stimme hämisch. Paul hörte generell keine Stimmen, aber diese sollte ihn eine Weile lang verfolgen und nerven. Paul wich vom Fenster zurück und fasste sich an die Nase. Dabei trat er auf eine Scherbe und alles wurde schwarz. Er hatte instinktiv (versteh einer die Instinkte des Menschen) die Augen zugekniffen und “Au” gerufen. Groß war die Scherbe wirklich nicht, aber Paul mochte keine Schmerzen. Wer schon? Wieso machte er nicht die Augen auf? Er stand bestimmt schon eine Minute lang da, mit einer Scherbe im Fuß. Der Grund war, er wurde gelenkt. Paul spürte die unnatürliche Macht der Eule und wie sie ihren Willen auf ihn richtete. Sie wollte anscheinend seine Augen nicht offen sehen. Auf einmal wurde es hell. Zuerst war das Licht weiß, dann wurde es zunehmend gelber. Paul riss seine Augen auf und befand sich nicht mehr in seiner Villa ...

...Aber wollte er sich, bang, bang, schubiduu, erschießen? Da gab es noch den Sturz vom Hügel, die lange und schmerzvolle Methode. Paul dachte darüber nach. Er sah die Pistole fraglich an. Wahre Freude ist eine benutzte Pistole. Er bemerkte diesen kurzen Stiel, der unten vom Griff hängte. Er zog daran und schon fiel das Magazin in seine Hand. Geladen. Wieder mal etwas Neues gelernt Paul, aber etwas zu spät, meinst du nicht? Ja, denn er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Er schob den Behälter mit gewollter Coolness wieder in den Griff. Niemand kann mir Schaden zufügen, dachte er und versuchte, die Pistole zu entsichern. Auf deine alten Tage wirst du noch schwach … Paul, ich denke, es ist die richtige Entscheidung, die Karl von Suizid- Methode anzuwenden. “Oder die Dunyan-Methode.”, murmelte er und gab den Versuch, die Pistole zu entladen, auf. Er betrachtete den Auslöser, die halbmondförmige Sichel, die man nach hinten drücken musste. Und, vorausgesetzt man traf, damit automatisch einen Menschen auf dem Gewissen hatte. Sich selbst oder jemand anderen ...

Melanie Böcker

Conar und Esala

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...Doch als sie nun auch noch zu heilen vermochte, sagte man ihr nach, dass sie eine Hexe wäre. Sie gab nicht viel auf das Geschwätz der Leute. Irgendwann kam ihrem Mann ebenfalls der Gedanke, dass seine Frau eine Hexe sein könnte. Sie versuchte ihn zur Vernunft zu bringen, aber mit jedem Wort, dass sie sagte, machte sie es nur noch schlimmer. Er machte ihr das Leben zur Hölle. Manchmal wünschte sie, sterben zu können und das tat sie auch auf eine gewisse Weise. Bald darauf, es war in ihrem zweiten Ehejahr, ließ ihr Mann sie gefangen nehmen. Sie verbrachte vier Monate bei Wasser und Brot in einem Gefängnis, bis sie verurteilt wurde. Verurteilt zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Sie schrie und versuchte sich aus den Griffen der Männer zu befreien, die sie über den Marktplatz schleppten. Doch es half nichts. Sie wurde festgebunden, so sehr, dass sie fast keine Luft mehr bekam. Dann wurde das Holz in Brand gesteckt. Sie zerrte an ihren Fesseln, doch zogen diese sich immer enger und schnürten ihr die Luft ab.  Nur das Feuer war angenehm warm und als es ihre Kleider verbrannte, da starb sie. Etwas in ihr starb. Als das Feuer erloschen war stand sie da und die Frauen kreischten vor Angst und Entsetzen. Sie war nicht verbrannt, nein. Sie war als hässliches, verunstaltetes Monster wiedergeboren worden. Und seit her wanderte sie in den Wäldern umher und war auf der Suche. Auf der Suche nach dem Drachen ....

Hannes Kiss

Die dunkle Seite

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...Der Körper den er sah, lag wie ein achtlos weggeworfener Müllsack, auf dem Bauch in einer großen Blutlache. Ein gurgelnder Laut entrang sich seiner Kehle. Bruchstückhaft hielt das Geschehen wie Bilder aus einem Horrorfilm Einzug in sein Gedächtnis. Chris sah sich über die Leiche gebeugt und mit beiden Händen die Axt aus deren Rücken ziehen. Deutlich konnte er das schmatzende Geräusch hören. Gegen seinen Willen schlurfte er auf den leblosen Körper zu. Es war, als schwebe er neben sich und beobachtete als Außenstehender das groteske Geschehen. Seine Schmerzen schienen vergessen, als er sich wie in Zeitlupe neben die Leiche kniete. Mit den Händen packte er sie an der rechten Schulter und am Hosenbund. Der Körper war noch warm. Geruch von Schweiß und Blut trieb ihm den Brechreiz in den Hals. Mit letzten Kräften drehte er den Körper um, auf seinem Kreuz schien die Haut an tausend Stellen zu zerreißen. Mit einem dumpfen Geräusch kam die Leiche auf dem Rücken zu liegen. Entsetzt starrte Chris dem Toten ins Gesicht. Es war sein eigenes! Chris kniete vor seinem toten Körper und schrie sich in die Ohnmacht …

Patrick Henning

Ich und ich und du sind wir

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..Die Frage die sich mir mittlerweile nämlich aufgedrängt hat, ist die, wie lange ein Mensch ohne Essen überleben kann. Meine letzte Mahlzeit liegt nun mehr vier Tage zurück. Im Grunde genommen vier Jahre, aber wenn es wirklich Jahre wären, würde ich wohl jetzt nicht mehr in der Lage sein, diese Überlegungen anzustellen. …Oh. Ich öffne gerade den Kühlschrank. Gehen wir etwas näher rann. Der Kühlschrank ist leer, aber sie vermuten schon richtig. Das Gefrierfach wird es nicht sein. Langsam mach ich es auf. Als erstes begrüßen mich wieder große Stücke Fleisch in durchsichtigen Plastikbeuteln verpackt. Ich schiebe sie beiseite. Die Begrüßung meines nächsten Fundes ist sogar recht freundlich. Mein Fund reicht mir sofort die Hand entgegen und das, obwohl er mich doch gar nicht kennt. Überrascht durch diese unerwartete Nettigkeit schreie ich auf, stolpere zwei Schritte rückwärts und fange mich dann aber wieder. Die gefrorene tote Hand mit Arm reckt sich mir immer noch aus dem Kühlfach entgegen. Ich starre sie an. Sie starrt zurück. Ich hoffe sie haben sich nicht erschreckt. Entschuldigen sie, das nächste Mal warne ich sie vielleicht besser vor. Soeben habe ich die Fassung zurück gewonnen. Ich schlucke und trete dann mit einem großen Schritt wieder vor das Fach. Meine Neugierde ist geringfügig größer als meine Angst und die Abscheu der Hand gegenüber. Ich will wissen, was hier vor sich geht. Angewidert reise ich mit einem Ruck den gefrorenen Arm aus dem Kühlfach. Er fällt vor mir zu Boden und bleibt dort unbeachtet liegen. Ich entferne ein weiteres Stück Rindfleisch. Nun ja, um ehrlich zu sein habe ich die Ahnung es könnte sich auch um etwas anderes als Rind handeln ... 

Michael Köppl

Das Schnäppchen

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...Zögernd machten sie drei Schritte in den Raum hinein. Die Dunkelheit und der Geruch nach Altem, Moderndem, der hier oben besonders stark war, hüllten sie ein wie eine Decke. “Shit!”, keuchte Ben und zuckte panisch zusammen. Anna presste sich ängstlich an ihn. Etwas hatte seine Stirn gestreift, ein Faden, vielleicht Spinnweben. Hektisch fuhr er sich über Haare und Gesicht, wollte die Spinnweben fortschlagen. Da streifte seine Hand wieder den Faden und als er begriffen hatte, was es war, zog er erleichtert daran. Es war eine Schnur, die von der Decke hing. Man konnte damit eine schmutzige, nackte Glühbirne einschalten. Knarz, Knarz, Knarz. Keiner Armlänge von Ben und Anna entfernt stand ein Schaukelstuhl. Der Stuhl und das Ding, das in ihm saß und gemütlich vor- und zurückschaukelte, war die Ursache für das Gequietsche. Es war eine Frau. Zumindest war es irgendwann einmal eine Frau gewesen. Die grauen, strohigen Haare sahen aus wie eine billige Perücke und überall darin wuselten kleine Spinnen und Käfer. Der Kopf der Frau war gnädigerweise auf ihre Brust gesenkt, Ben wollte ihr Gesicht nicht sehen. Die runzeligen Arme hielten die Lehnen des Stuhls umfasst, ihre Hände sahen verfault und angeknabbert aus. Ratten, Ratten, konnte Ben nur noch schockiert denken. Anna hatte aufgehört sich den Mund zuzuhalten und stammelte Worte ohne Zusammenhang. Anscheinend stand sie unter Schock und brachte keinen Schrei hervor. “Nein, tu das nicht!”, kreischte Ben, aber bevor er reagieren, ja noch bevor sein Verstand die neue Situation überhaupt verarbeiten konnte, hatte Anna ihre Hand nach dem Ding ausgestreckt ...

Holger Stolper

Scheißwetter

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...Er packte die schwarze Regenjacke und drehte den keuchenden Körper zu sich herum: Es war ein Mann. Sein Gesicht wies lediglich Schürfwunden auf, jedoch war sein Körper scheinbar nur noch eine Masse, in der kein einziger Knochen mehr heile war. Harald wurde bleich. Tränen traten ihm in die Augen und vermischten sich mit dem Regen in seinem Gesicht. Einige Meter weiter fing sich der Wind in den riesenhaft verschlungenen Ästen einer uralten Eiche und erzeugte ein Heulen, das bei jeder Böe zu einem lauten Pfeifen anschwoll. Der Mann röchelte. Harald beugte sich herab, um verstehen zu können, was er sagte. “A… Auch. D…du!”, flüsterte der Mann mühsam. Blut lief ihm dabei aus seinem Mund und verursachte zwischen den Worten ein Geräusch, welches Harald an das morgendliche Gurgeln bei seiner Zahnpflege erinnerte. Feine Bluttropfen verteilten sich dabei auf Haralds Wange und verliefen sofort mit dem Regen. Ein glucksender Rülpser fuhr aus dem Mund des Mannes, und ein Schwall warmen Blutes ergoss sich über Haralds rechte Gesichtshälfte. Angewidert und erschrocken fiel er nach hinten auf den Rücken und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Der Mann zuckte einen Moment lang im Todeskrampf und lag dann wieder ruhiger auf dem Rücken. Er gab jetzt gurgelnde Laute von sich. Blut lief aus seiner Nase und seinem Mund, und er schien daran zu ersticken. Harald beugte sich noch einmal über ihn und sah ihn an. Er sah, wie die Augen des Mannes träger wurden und einen unsichtbaren Punkt über ihnen anzustarren schienen. Obwohl der Regen ihm nun in die Augen fiel, blinzelte er nicht. Er röchelte auch nicht mehr – er war tot ...

Stephan Möller

Broken Home

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...Auch heute abends hatte sie so geschlafen, denn sonst hätte sie gehört, wie Mark aus seinem Zimmer gekommen war und hätte ihn wieder angeschrieen. Ja, er war aus seinem Zimmer gegangen, war in Papas Arbeitszimmer geschlichen, und hatte dessen Pistole aus seinem Schreibtisch genommen. Er wusste nicht, was er jetzt damit tun würde, aber er GLAUBTE, es zu wissen: Er GLAUBTE, dass er rausgehen und seinen Papa erschießen würde, wenn er wieder anfing, Mama anzuschreien und sie zu schlagen. Denn egal, ob sie schlief oder nicht, das MUSSTE ihr doch auch wehtun, oder? Und er hatte seine Mama lieb, auch wenn sie ihn immer so anschrie, schließlich konnte sie nichts dafür, daran war doch das böse Zeug aus der großen Flasche schuld! Er hatte seine Mama lieb, und er wollte nicht, dass Papa ihr immer wehtat und sie krank machte, weil sie deshalb das Zeug trank.

Ja, er glaubte, er würde raus ins Wohnzimmer gehen und seinen Papa erschießen, wenn er wieder anfing, zu brüllen! Das hatte er nämlich verdient ...

Florian Hänel

Vorboten

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...Peter musste sich bewegen, musste so schnell es ging das Geschäft verlassen, um in der Dunkelheit Schutz zu suchen. Er umklammerte den Geldschein in seiner Hosentasche, war bereit ihn an der Kasse sofort der Kassiererin entgegen zu schleudern. Er rannte los. “Du kannst mir nicht entkommen. Versuchs doch, Schisser. Ich finde Dich überall.” Peter näherte sich der Kasse, die bis auf die Kassiererin, die ihn fassungslos anstarrte, menschenleer war. “Du hast einen Auftrag und Du weißt genau was Du tun musst. Die Kassiererin da vorne, ja, genau, die Kassiererin. Tu es, tu es, Schisser.” Die Worte waren so eindringlich, schienen das einzige zu sein, was im Moment für Peter von Bedeutung war. Er stürmte weiter vorwärts, der Kasse und der Kassiererin entgegen. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. “Ja, genau, du weißt es. Dann tu es endlich oder hast Du etwa wieder Schiss? Bist Du wieder zu feige, kleiner Schisser?” Peter hatte die Kasse schon fast passiert, das Grinsen war wieder aus seinem Gesicht verschwunden. Er hatte keine Ahnung wie es ihm gelungen war sich gegen die schon fast hypnotische Wirkung der Worte zur Wehr zu setzen, aber es war ihm gelungen. Er zog den Geldschein aus der Tasche, warf ihn der völlig verdutzten Kassiererin zu. “Stimmt so”, brachte er keuchend, fast unverständlich heraus. Noch, bevor die Frau etwas sagen, geschweige denn reagieren konnte, war Peter bereits an der Kasse vorbei. “Du kleiner, feiger Schisser hast Deinen Auftrag nicht erfüllt. Das wirst Du mir büßen. Ich werde auf Dich warten und dann wirst Du dafür bezahl … ”

Michael Navarro

Randy

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...Das Klopfen an der Haustür brach ab, als Randy das Ende der Treppe erreichte und meinte im selben Moment durch das Fenster einen Schatten auf der Veranda gesehen zu haben. “Na warte Travis. Du kannst was erleben.” Vorsichtig ging er durch das Wohnzimmer zur Haustür. Bevor er sie öffnete, schaute er durch das Fenster, wo er glaubte, den Schatten beobachtet zu haben. Nichts war zu sehen. Er trat aus dem Haus und schaute sich auf der Veranda stehend um. “Hallo? Ist da jemand?” Keine Antwort. “Travis?” Draußen war kein Geräusch zu hören. Er ging wieder ins Haus und schloss die Tür ab. Er brachte die Sicherheitskette an und als er sich umdrehte sah er aus dem Augenwinkel wieder den Schatten auf der Veranda. Randy schaute aus dem Fenster und sah, dass eine Gestalt im Garten stand. “Raaaaaannnnnndyyyyy!”, rief ihm die Gestalt zu, so leise, dass er sie eigentlich nicht hören durfte. Das ist nicht Travis, die Gestalt ist größer. Und die Stimme klingt feminin. Wieder rief ihn die Gestalt: “Raaandyyy! Komm bitte raus! Ich möchte mit dir reeedeeen!”. Es hörte sich fast an, als würde sie singen. “Lisa?”, flüsterte Randy. Und obwohl sie ihn eigentlich nicht hätte hören dürfen antwortete sie: “Ja, Randy, ich bin's Süßer.” Jetzt lächelte er. Seine blauen Augen wurden glasig und er war wie in Trance ...

Maik Pohl

Das leise Flüstern

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...“Jack?” So wie sie seinen Namen aussprach spürte sie einen Druck auf ihren Körper der sie fast umstieß. “LASS IHN ALLEIN!!!!”, flüsterte es auf sie ein. Das Flüstern war zwar leise aber es drang so tief in ihr inneres Ohr, dass sie glaubte jemand schrie sie an und wolle ihr Trommelfell zum platzen bringen. Hinter ihr explodierte einer der PCs. Überall schnellten Funken aus dem Rechner und ließen eine riesige Rauchwolke aufsteigen. Judith warf es durch diesen Druck, der kleinen aber heftigen, Explosion auf die Seite, wo sie sich fast den Kopf gestoßen hätte, hätte sie sich nicht rechtzeitig mit ihren Händen vor einem Regal geschützt. Sie lag am Boden mit weit aufgerissenen Augen und versuchte das Geschehen Revue’ passieren zu lassen, um diese Geschichte zu verarbeiten und eine Erklärung zu finden. Niemand kam und sah nach dem rechten. Judith kam es vor, als ob, egal was hier in dieser Firma auch geschieht alles den Anschein hätte normal zu sein. Keiner mischte sich in irgendetwas ein oder versuchte es zumindest. Sie merkte nun allmählich, dass sie ganz auf sich allein gestellt war. Sie hatte sich in Sachen eingemischt von denen ihr abgeraten wurde. Sie hatte Angst und wusste ganz genau, egal was passieren würde, keiner würde ihr helfen ...

Payam

Ella Snu

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...Ich erinnerte mich an den Farbigen, der mit einem armlangen Holzkreuz durch die Straßen gerannt ist und weinend nach seinem Erlöser geschrieen hatte. Er hatte sich über jede zweite Leiche gebeugt und seinen Segen ausgesprochen. Ich hatte mich in einem Hauseingang versteckt und ihn beobachtet. Man musste vorsichtig sein. Der verzweifelte Gläubige hatte sich ein Mönchsgewand übergestreift – ich bin mir sicher, dass er das Gewand einem Kostümladen entwendet hatte – und stolperte alle paar Meter über seine Füße. Es schien ihn nicht zu stören. An seinem Kopf waren einige Platzwunden zu erkennen, die unablässig bluteten, was ihn jedoch nur weiter in Ekstase brachte. Ich hatte mich solange versteckt, bis sein Wehklagen in irgendeiner kleinen Gasse verklang.

Ein anderer war mit einem geladenen Revolver durch die Geschäfte gerannt und hatte auf alles gefeuert, was sich bewegte – auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sehr viel rührte. Er war so außer Atem, dass er ständig husten musste und sich beinahe übergab. Ich hatte Glück gehabt, da ich mich gerade im Supermarkt befand und die letzten Dosengerichte in meinen Rucksack packte, als der Verrückte mit den langen zerzausten Haaren durch den Eingang stürmte. Mein Revolver lag damals noch neben dem toten Polizisten. Mr. Ich-knall-alles-ab-was-sich-mir-in-den-Weg-stellt schrie: »Na, seid ihr schon alle tot, oder gibt’s da noch einen, hä?« und als er um die Regalecke raste und dabei ein Dutzend Marmeladengläser auf den Steinboden zerschellen ließ, erblickte er mich. Er erschrak derartig, dass er aus der Kurve flog, mit dem Kopf gegen die Gefriertruhe prallte – die allerdings auf Grund fehlenden Stromes nicht mehr kühlte – und benommen auf den Bauch fiel. Er landete so ungünstig, dass der Revolver einen Schuss auslöste und seinen halben Hals in der Gemüseabteilung verteilte. Mir tat es nur wegen der guten Nahrung leid ...

Markus Böhme

Die Nacht der Herzen

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...Vom Ohr ausgehend zogen sich vier tiefe, unregelmäßige Schnittwunden über die Wangen, bis nach vorne zum Kinn. Das ehemals dunkelrote Fleisch, das unter der aufgerissenen Haut zum Vorschein kam, war vom Frost hellrosa gefärbt. Die mit Eiskristallen verklebten Augen starrten leblos an die Decke des Rathauses. Festgefrorenes Blut, das wie ein dünnes, rotes Tuch sein ganzes Gesicht bedeckte, vermittelte den Eindruck, dass dieser Mann keinen angenehmen Tod gestorben war. “Was für ein schrecklicher Unfall”, sagte Ferkov. “Unfall?”, fragte Jason. Mit einem heftigen Ruck zog er die Decke zurück und gab den restlichen Körper des Toten frei, der vor ihnen auf der Holzpritsche lag. “Heilige Maria Mutter Gottes!”, sagte Ferkov und hielt sich die Hand vor den Mund.

An den Armen des Toten hingen noch Reste der Wolljacke, die Salek in der Nacht seines Todes getragen hatte. Der Stoff hing in Fetzen von seinen Schultern, der Hauptteil des Kleidungsstücks – der, der Brust und Bauch bedeckt hatte – war nicht mehr vorhanden. Haut und Fleisch waren zerfetzt, Jason aber glaubte unter den dunkelroten Verfärbungen die rechte Brustwarze sehen zu können. Sein Blick wanderte über den Toten und fixierte schließlich das faustgroße Loch in der linken Hälfte seiner Brust. Unregelmäßige Schnitte, die wie Kratzspuren aussahen, führten vom Halse hinab und mündeten schließlich in der Grube in seiner Brust. Schwarzer Schorf hatte sich rund um das Loch gebildet, aber trotz der stundenlangen Arbeit des Frostes schimmerten Teile des Lungenflügels rosarot hervor. “Sein Herz”, sagte Ferkov. “Ist es …” “…herausgerissen worden?”, beendete Jason den Satz. “Ja, ich denke das ist es.” “Sein Genick ist auch gebrochen. Ich hoffe nur, bevor das da geschehen ist”, sagte Jaron und deutete auf das Loch in Saleks Brust.

“Seid Ihr immer noch der Meinung, dass es ein Unfall war?”, fragte Jason und warf die braune Decke wieder über den abscheulich zugerichteten Körper des Toten ...