Leseproben von
Anke Pekarsky
Mitternachts Stunde
Hannes Kiss Urlaub vom Leben
Lutz Reiter Aura – es begann ganz harmlos
Stephan Pamp Die Nacht des roten Mondes
Melanie Böcker Wölfe sterben einsam
Patrick Henning Frau Holles Schatten bei Dämmerung
Stephan Möller Hausdorf
J. E. Schenkelklopfer
Maik Pohl Der Schalter
Torsten Scheib Die volle Wahrheit
Holger Stolper Blut auf den Weiden

Anke Pekarsky
Mitternachts Stunde

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Sie waren beinahe oben angekommen, als ihnen eine hoch aufragende, schlanke Gestalt mit dunklem Haar und ebenso dunklen Augen den Weg versperrte. Zu ihrem Entsetzen erkannte Lisa, dass es Mitternacht war. „Wie kannst du …“, setzte sie an und konnte nicht weitersprechen, denn Mitternacht hob, ohne jegliche Mimik, seinen rechten Arm und ließ einen blitzenden Gegenstand auf Lisa niedersausen. Sie duckte sich aus einem Reflex heraus, so dass das Ding, das Mitternacht in der Hand hielt, genau in Thomas linke Schulter fuhr. Es machte keinerlei Geräusche, glitt durch Haut, Fleisch und Muskeln wie durch Butter hindurch. Nur Thomas gab einen leisen, verblüfften Laut von sich, bevor er hinterrücks die Treppe hinunterfiel. Mit Entsetzen in den Augen begann Lisa weiter nach oben zu rennen. Sie schubste Mitternacht mit einem Schrei zur Seite und rannte in Richtung Eingangstür davon. Die Gedanken in ihrem Kopf vermischten sich zu einem einzigen Wirrwarr von Gefühlen, Bildern und Geräuschen. Sie hörte Thomas abermals schreien, sah im bleichen Licht der Deckenlampe dunkles Blut aus seiner Wunde sickern, seine ungläubigen Augen, bevor er nach hinten die Treppe hinunter gefallen war, und sie sah Mitternachts erstarrtes, weißes Gesicht, das keine Miene verzog, und seine dunklen, kalten Augen, die heute Morgen doch noch blau gewesen waren.

Hannes Kiss
Urlaub vom Leben

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Der Arzt packte die Schwester bei den Schultern und schüttelte sie. „Reißen Sie sich zusammen! Schicken Sie mir mein Team rein. Defibrilator. Schnell!“ Die Stationsschwester sah ihn kurz an, dann rannte sie los …

… Ralph fühlte sich frei, auf eine unendliche Art frei, dass er gejubelt hätte, wenn er es denn könnte. Vor sich sah er einen Raum, in dem sich drei Ärzte und zwei Schwestern an einem Mann in einem Bett zu schaffen machten, wie man es aus Krankenhausserien im Fernsehen kennt. (Intensivstation) Ralph kannte den Mann. Das bin ich, das war ich. Der Gedanke kam. Doch er brachte kein Entsetzen mit sich, im Gegenteil. Etwas durchfloss ihn, was sich gänzlich seiner Beschreibung entzog. Nur eines war sicher: es war gut … … und endgültig. Eine letzte Frage drängte sich in seinen Verstand: Welches dieser Leben habe ich geträumt? Dann wurde alles in seinem Blickfeld weiß …

Lutz Reiter
Aura – es begann ganz harmlos

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Ich verfiel in Panik. Das war das Ende. Der Schock, der mich erfasst hatte und einige Zeit lähmte verflog bald und machte unendlicher Wut Platz. Ich lief zu meinem Geräteschuppen und schwang mich aufs Fahrrad, denn anders war ich nicht mehr mobil, und fuhr damit die etlichen Meilen bis zur Firma. Unterwegs fielen die Straßenbahnen reihenweise aus und die Ampelanlagen explodierten förmlich. Autos, fehlgeleitet durch die defekten Anlagen, schoben sich krachend zusammen. Es kümmerte mich nicht. Ich konnte es nicht verhindern. Mein bioelektrisches Zerstörungsfeld hatte sich bedeutend vervielfacht. In mir kochte die Ursuppe der Wut. Weil der Fahrstuhl während meines Eintreffens in der Firma abgestürzt war, lief ich die Treppen zur Chefetage hoch. Meine Aura schien ihre maximale Ausdehnung erreicht zu haben. Obwohl ich es nicht sehen konnte, spürte ich das Chaos in den Büros, die ich links und rechts von mir passierte. Mit jedem Zerplatzen einer Leuchtstoffröhre und Bersten eines Monitors stieg mein Glücksgefühl. Ich fühlte mich wie Superman und meine geschundene Seele schwang sich in der perversen Flut technischer Gewalt zum Himmel auf, um von dort erbarmungslos herabstürzend neuen Horror zu verbreiten.

Stephan Pamp
Die Nacht des roten Mondes

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Vor Panik kaum eines klaren Gedankens fähig sah er eine Kreatur, besser konnte man es nicht beschreiben, die langsam auf ihn zugekrochen kam, langsam, aber beharrlich. Alle Kraft verließ seine Glieder, bewegungsunfähig starrte er das Ding an, das rötlich den Mondschein spiegelte. Er konnte keine klar erkennbaren Gliedmaßen sehen, nicht mal einen konkreten Umriss, aber groß war es, und massig, doppelt so hoch wie er selbst ragte es aus dem Nebel. Wabernd, kriechend, rollend kam es auf ihn zu, gab dabei ein seltsam summendes Geräusch von sich. Nein, nicht wirklich ein Geräusch, es war eher ein Vibrieren, das er mehr fühlte als hörte, die Art von Vibrieren, die Kopfschmerzen verursachen und Nasen bluten lassen kann. Das Wort „amorph“ schoss ihm durch den Kopf, war wieder verschwunden. Gerade als das erste Zucken eines Fluchtversuches seine Beine erschütterte, als die Instinkte die Vorherrschaft über den gebeutelten Verstand übernehmen wollten, schossen aus dem Wald plötzlich unzählige von Rüsseln, ja, so hätte er es genannt, Rüssel, dünne, lange Dinger, glatt wie Fische, und genau so mit Schuppen bedeckt, die sich in das Ding bohrten und irgendetwas damit anstellten. Das Vibrieren steigerte sich bis zu einem Punkt, an dem er wirklich Kopfschmerzen bekam, so starke Kopfschmerzen, dass er schreiend auf die Knie sank und die Hände auf die Ohren presste, den Blick nicht von der unbegreiflichen Szene vor ihm abwenden könnend.

Je näher er dem Dorf kam, das da vom schummrigen Licht des riesigen Mondes erleuchtet vor ihm lag, desto unsicherer wurde er sich seiner Sache. Waren das wirklich Menschen da vorne? Sie sahen aus wie Menschen von weitem, ja, aber sie bewegten sich merkwürdig, ungelenk. Stolpernd kam er zum Stehen, als er das Gesicht eines Mannes erkannte, der unmöglich dünn erschien, ausgemergelt, die Haut schien direkt auf Knochen zu liegen. Auch er war nackt, wie der Zwerg, sein dünnes, graues Haar hing ihm wie Spinnweben von seinem Kopf. Dort, wo seine Augen hätten sein sollen, waren nur zwei blutrote Löcher zu erkennen. „Grolm?“, fragte er Richard und deutete zum Mond. „Grolm?“ Richard schlug sich die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Nun nahm er alle Einzelheiten des Wesens vor sich auf, alle Einzelheiten aller Wesen, die nun auf ihn zuschlurften und immer wieder fragten „Grolm? Grolm? Grolm?“ und dabei zum Mond zeigten.

Melanie Böcker
Wölfe sterben einsam

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Als die Männer und Dene das Tor erreichten, waren die Angreifer bereits dicht hinter ihnen. Zum Glück hatte es sich noch nicht wieder geschlossen. Die Männer liefen hindurch, doch Gareth drehte sich noch einmal um. Das war sein Fehler. Durch den Schein des Tores war er doch so gut zu erkennen, dass einer der Angreifer zu einem Schuss aus seiner Armbrust ansetzen konnte und Gareth in der Brust traf. Er schrie auf und ging zu Boden. Doch Dene reagierte blitzschnell. Sie ließ sich auf die Knie fallen und schlug mit der rechten Handfläche auf den Boden. Verwundert über ihr Tun stand sie wieder auf, fing Gareth mit dem linken Arm im Fall auf und stützte ihn auf ihre Schulter. Es waren nur Bruchteile von Sekunden, in denen ihr Instinkt ihr etwas befohlen hatte. Der Boden begann zu vibrieren. Das Zittern wurde immer stärker bis der Boden auseinander riss. Einige der verunstalteten Wesen stürzten in die tiefen Erdspalten. Dann begannen die Wände abzubröckeln. Der Tunnel würde einstürzen. Dene zog Gareth hektisch durch das Tor.

„Tu es jetzt!“, rief sie Aros zu. Doch sie hatte sich das Ende zu leicht vorgestellt. Langsam hob Darkmor seine Hand, bis er sich aus den Fesseln befreit hatte. Er ballte seine rechte Hand und umschloss das imaginäre Seil. Plötzlich drehte Darkmor das Spiel um und schwang die Magie wie eine Peitsche über sich. Das Seil war nun um Dene geschlungen und er zog sie zu sich heran. Ihre Fußspitzen schleiften über den steinernen Boden. Sie griff sich an die Kehle und rang nach Luft. Mit seiner linken Hand wehrte er Aros ab, der seinen ersten Schlag mit dem Schwert gegen ihn versuchen wollte. Er schleuderte ihn durch die Luft, bis er an der Treppe, auf der sie hinaufgekommen waren, wieder aufschlug. Er rutschte über die obersten Stufen und wäre beinahe in die Tiefe, durch die Wolken, gestürzt. Aber nur beinahe, denn er konnte sich wieder auf den Steinboden zurückziehen. Durch den heftigen Aufprall verlor er sein Schwert. Es schlitterte über den Boden und übertönte Denes Röcheln mit dem kratzenden Metallgeräusch auf den steinernen Platten.

Patrick Henning
Frau Holles Schatten bei Dämmerung

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„Das Bild ist merkwürdig.“ Bröcker macht eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Egal. Wir sind heute schon eine Menge ‚Merkwürdiges‘ gewöhnt.“ „Also gut. Klar ist erst einmal, was das Bild darstellt: den Fenriswolf bei Götterdämmerung, also dem Untergang der Welt. Er ist gerade im Begriff die Sonne zu fressen. Soweit nichts Außergewöhnliches, sondern ein Motiv, wie es sie zu Tausenden gibt. Komisch ist nun allerdings der Schatten. Hell und blau-schwarz zu gleichen Teilen. Das ist nicht der Schatten Fenrirs. Er wirft nicht seinen eigenen Schatten.“ „Sondern? Welchen wirft er?“ „Den Hels!“ „Könnten Sie uns vielleicht noch darüber aufklären, wer Hel ist?“ „Nur grob oder ausführlicher?“ „Besser etwas ausführlicher. Man weiß ja nie, wozu einem das alles nützen kann.“ Vuorinen räuspert sich kurz, dann beginnt er zu sprechen. „Also Hel, Fenrir und die Midgardschlange sind Geschwister. Sie sind alle Kinder Lokis, dem größten Feind der Götter. Da sich die Götter vor diesen Kindern fürchteten, ließen sie sie von den Asen nach Asgard bringen. Während Fenrir an die Kette Gleipnir gelegt wurde, wurde die Midgardschlange von Odin ins Meer geworfen und Hel aus Asgard vertrieben. Hel zog nach Norden, wo sie ihr eigenes gleichnamiges Reich gründete. In dieses Totenreich, Hel, holte sie alle die, die in Unehren oder eines natürlichen Todes starben. Also Krankheiten, Alter usw. Im Übrigen rührt das englische ‘hell‘ auch von diesem Reich. Egal. Die Verteilung der Toten war unterschiedlichen Göttern zu Teil. Während also Hel für die einen zuständig war, gab es noch Ran, der die Seelen der Ertrunkenen gehörten und Odin und Freya, die sich die im Kampf Gestorbenen teilten. Odin die männlichen, Freya die weiblichen. Mhm, was gibt es sonst noch zu sagen?“ Vuorinen überlegt. „Vielleicht interessiert Sie, dass die deutsche Frau Holle von Hel abgeleitet wurde. Sprich, sie sind identisch.“ Bröcker nickt etwas genervt. „Fein. Und woher wissen Sie nun, dass dieser Fenrir Frau Holles Schatten hat und nicht den irgendeines x-beliebigen anderen Gottes?“ „Wegen der Farben. Hel war zur Hälfte weiß, zur anderen blau-schwarz. Genau wie der Schatten. Das ist kein Zufall.“

Stephan Möller
Hausdorf

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Langsam ging er in die Richtung, aus der das Lachen gekommen war. Da war es wieder, nur diesmal etwas näher. „Wer ist da?“, fragte er, jetzt unruhig. Er zückte seine Dienstwaffe. Die wird dir nichts nützen, meldete sich die Stimme wieder zu Wort, denn der Kerl hat den Überraschungseffekt auf seiner Seite! Halt die Klappe!, schrie er sich innerlich an. „Hallo?“, rief er erneut. „Ist da jemand?“ Nichts. Er schlich um einen dicken Baumstamm herum und stand erneut auf einem baumfreien Platz, und hätte er nicht schon beim Zelt sein ganzes Frühstück dem Erdreich übergeben, dann hätte er jetzt schon wieder gekotzt: hier lagen die vier Köpfe der toten Kinder, teils angenagt, teils ganz, umgeben von riesigen Blutlachen. Michael konnte sich gerade noch auf den Beinen halten und trat einen Schritt zurück; er wollte auf der Stelle zurück zum Streifenwagen und Andi herholen, schließlich war er der Chef, sollte er sich doch darum kümmern. Er trat auf etwas matschiges und sah herunter zu seinen Füßen: er war in ein blutiges Organ getreten, das jedoch nur noch halb und deshalb nicht zu identifizieren war. Darum würde mich jeder Biologielehrer beneiden!, dachte er noch ironisch – er fragte sich später, wie er in so einer Situation auf solche Gedanken kommen konnte –, dann wurde er ohnmächtig und kippte um.

J. E.
Schenkelklopfer

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Oh, um die Situation wirklich zu verstehen, um die ganze Geschichte zu verstehen, müsste ich eigentlich dort anfangen, wo ich das Ding das erste Mal sah. War an dieser einen Straße, wie hieß sie noch gleich … na, kennen Sie sicher, ist lang, hat große Bäume an der Seite. Kennt hier jeder, heißt irgendwas mit „–brücke“. Ist auch egal, ich kann mir Straßennamen nie merken. Er passt auch überhaupt nicht zur Straße, sie hat nichts mit Brücken zu tun. Es ist einfach nur eine lange Straße bergab. Kennen Sie das, Sie hassen einen Gegenstand? Sie wissen, er lebt nicht, aber trotzdem hassen Sie ihn? So geht es mir bei der Straße. Vorher natürlich noch nicht, aber mittlerweile wird mir übel, wenn ich nur an sie denke. Ich war nachts auf dem Weg von Tony zu mir, auf eben dieser Straße, als ich das Ding sah. Schwarz, war natürlich klar. Böses ist immer schwarz. Wie in Horrorfilmen. Einfallslos, was? Es stand im Schatten, etwas Dunkles, Kleines, exakt wie in Horrorfilmen. Ich sah es nur kurz, dann schnellte es zur Seite und war in den Büschen. Dabei blitzte ein Haken in seiner rechten Hand auf. Vielleicht auch Krallen, weiß ich nicht. War schwer zu erkennen. Auf alle Fälle war es spitz und krumm. Wenn ich vor was Angst habe, dann sind es Haken. Natürlich blieb ich sofort stehen und war verwirrt, anfangs nur verwirrt, aber als dieses Lachen ertönte, bekam ich Angst. So RICHTIG Angst.

Maik Pohl
Der Schalter

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In seinem Körper entbrannte ein Feuer. Ihm wurde heiß. Es war ein Feuer der Angst, die in Wut überging. Ohne es zu bemerken, betätigte seine Hand immer noch den Lichtschalter. Klick. Mit jedem Mal wurde er wütender. Klick. Rasend. Klick. Nebenan ertönte lauthals die Musik der Nachbarn. Das Zerspringen eines Glases. Etwas fiel auf den Boden und ließ einen lauten und dumpfen Knall aufhallen. Lautes Gelächter und Gegröle. KLICK!

Ronny, immer noch irritiert von dem Schlag in sein Gesicht und den Nebenwirkungen der Drogen, sammelte langsam seine Gedanken. Ohne zu überlegen, drehte er sich um und versuchte, den schmalen Flur entlang, in sein Wohnzimmer, zu kommen. Peter holte aus und ließ das große Metzgermesser über Ronnys linke Wade schnellen. Die Klinge war scharf und schnitt ohne Probleme in das Bein. Ronny schrie laut auf und brach wieder zusammen. Seine Hände griffen nach der Verletzung und verschmierten alles mit Blut. „Oh mein Gott!“, schrie Ronny und starrte innerhalb von Sekunden auf sein Bein, das voller Blut war, dann zu Peter und wieder zurück auf sein Bein. Ronny drehte sich wieder um und schaffte es in das Wohnzimmer. Seine Freunde hatten keinerlei Chance zu reagieren, da alles in wenigen Sekunden geschah. Noch bevor sie richtig registrieren konnten, was geschehen war, um die Polizei zu rufen, stand Peter auch schon mitten im Wohnzimmer, knallte die Tür hinter sich zu und zielte mit seiner Pistole auf die anderen. In den Gesichtern der beiden Jungen und Mädchen, sah Peter Entsetzen und Überraschung. „Was wäre eine Party ohne den netten Nachbarn?!“, sagte Peter mit einem breiten Lächeln.

Torsten Scheib
Die volle Wahrheit

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Als ich wieder einigermaßen vernünftig sehen konnte, stand sie abermals vor mir. Nicht sie – Es. Meine Augen weiteten sich. Vor mir stand keine junge Frau mehr, sondern … sondern ein Monster! Ich blickte in handtellergroße Augen mit winzigen schwarzen Pupillen. Das hässliche Gelb des Augapfels war von dicken, feuerroten Adern durchzogen. Ihre Haut besaß eine grünliche Farbe, durchzogen von schwarzen Flecken wie Krebsgeschwüre. Statt Haare besaß sie Tentakel, die gierig durch die Luft wirbelten, nach einem Opfer suchend, das sie bei lebendigem Leibe auseinander nehmen konnten. Die Hardcore-Version der legendären Medusa. Mit Krallenhänden, die so scharf wie ein Rasiermesser waren, schlug sie mir ins Gesicht. Der Schmerz war unbeschreiblich. Getrieben vom reinen Überlebensinstinkt packte ich mir das Kabel des Weckers, riss es aus der Steckdose und wirbelte den Wecker in die Höhe wie eine Art modernen Morgenstern. Mit voller Wucht schmetterte ich das Gerät gegen den Schädel der Medusa. Plastikstücke und Elektronikteile ergossen sich auf den Boden. Mir war klar, dass dieser Kampf noch längst nicht beendet war.

Holger Stolper
Blut auf den Weiden

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Helge sprang von der Bank auf und nahm einen Ast in die Hand, der am Uferrand lag. Vorsichtig tastete er sich mit seinen Füßen die Böschung hinab, um nicht auszurutschen. Während er mit dem linken Arm das Gleichgewicht hielt, stocherte er mit dem Ast in Richtung Mütze. Der Ast war gerade lang genug und er musste sich gefährlich nach vorne beugen, um sie mit der Astspitze zu erreichen. Zwei, drei Mal berührte er die Mütze, rutschte jedoch wieder ab, wobei sie jedes Mal schwerfällig unter-, dann jedoch langsam wieder auftauchte. „Pass auf, dass du da nicht reinfällst“, rief Tine, musste aber selbst bei dem Anblick lachen, der sich ihr bot. Mit einem gewagten Versuch bekam Helge die Mütze mit dem Stock zu fassen und drückte die Astspitze in den Stoff, der sich durch eine weitere kleine Drehung des Astes in der Spitze verfing. Wie ein Angler, der einen dicken Fang gemacht hatte, riss Helge den Ast hoch und fiel dabei rückwärts mit dem Hintern auf die Uferböschung. Die Mütze flog hoch in die Luft und segelte über ihn hinweg auf die Wiese. Wasser spritzte herab und er hörte Tine einen Schrei ausstoßen. „Bist du nass geworden?“, rief er lachend und sah zu ihr hinüber. Tine saß auf der Bank und sah mit entsetzter Miene und tränenden Augen an ihm vorbei auf das Wasser. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht. Als er zum Wasser schaute, sah er, was Tine so aus der Fassung brachte. Im Wasser schwamm ein Kopf. Es sah grotesk aus, wie er ganz langsam weiter trieb.

Als Helge seinen ersten Schock überwunden hatte, nahm er mit zitternden Händen wieder den Ast und hinderte den Kopf daran, fortzutreiben. Er hatte Mühe, den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken. „Hol mir bitte die Handschuhe“, rief er Tine zu, die noch immer schluchzend auf der Bank saß. Sie stand auf, lief zu ihrem Fahrrad und holte Helges Handschuhe aus ihrem Korb. Dann ging sie an die Böschung und gab sie ihm. Sie brachte keinen Ton heraus. Er zog sich die Handschuhe über, packte den Kopf an den Haaren und zog ihn aus dem Wasser. Trotz dieser ekelhaften Situation musste er an ein Kindergedicht denken, welches er als kleiner Junge auf einer Schallplatte gehört hatte. Es hieß „Das Rüben ziehen“. Das Gedicht endete mit dem Satz „Schwupp, ist die Rübe heraus. Und das Märchen ist aus.“